Unreflektierter Influencer-hate

Ein paar Gedanken zum Influencer-hate, der immer öfters kursiert – und der mich ziemlich nervt. Werbung wird es immer geben, denn sie generiert Umsatz für die Unternehmen. Dafür sind nicht zuletzt wir Konsumenten verantwortlich, denn hätten wir kein Geld übrig, würden wir dem neusten Trend nicht folgen – Ausgaben erhöhen sich bei den Meisten mit dem Einkommen. Wir werden also mit Werbung konfrontiert, ob wir das gut finden oder nicht. Warum soll es nun «besser» sein, nur professionelle Models* für diese Aufgabe einzusetzen, die top aussehen – also nicht so wie wir – ?

Hohe Werbewirkung durch Identifikationsfiguren wie Influencer: Chance oder problematisch?

Influencer** bieten ein ganz anderes Konzept. Nicht mehr nur das Äussere einer Person ist das Verkaufsargument, sondern vor allem das Drumherum. Am Anfang des Trends konnte jeder Influencer werden, heute ist es bereits schwieriger – die Professionalisierung durch Agenturen und der Insta Algorithmus lassen grüssen. Influencer sind ein bisschen wie du und ich, aber sie zeigen uns ihr Leben. Die Ausstrahlung und der Lifestyle des Influencers liefern somit weitere Identifikationspunkte für uns Konsumenten. Das heisst aber auch, dass uns nicht nur ein Bild überzeugen muss, sondern der gesamte Feed. Und darin liegt der Punkt, der Unterschied: Models verkaufen uns ihr Aussehen, Influencer aber ihr gesamtes Leben, zugespitzt formuliert. Damit sind Influencer Identifikationsfiguren auf Augenhöhe. Und darin verstehe ich wiederum die Kritik: Die Werbung wirkt stärker, wenn sie mit einer Identifikationsfigur verknüpft ist. Diese Kritik wiederum bietet aber auch das beste Gegenargument.

An wen würdest du deine Identität verkaufen? – authentischere Werbung als Chance

Als Influencer verbindet man seine Identität mit den Produkten, die man bewirbt. Man lebt zwangsweise mit den Produkten und Kooperationen, denn die Abonnenten müssen davon überzeugt werden, dass man das Produkt wirklich selbst benutzt. Bei den vielen Kooperationsangeboten schadet man am Ende doch nur sich selbst, wenn man eines wählt, das nicht zu einem passt. Oder willst du den ganzen Tag BCAAs herunterkippen, die du gar nicht magst? Klar, manche Firmen locken einfach mit einem solch übertriebenen Honorar, dass sogar Kim Kardashian für eine Handyhülle wirbt. Aber bei langfristigen Zusammenarbeiten will doch niemand für etwas stehen, das man nicht selbst empfehlen würde. Und wenn wir doch das Gefühl haben, ein Influencer „heuchelt“ uns etwas vor – schreibt ihn/sie an! Die Meisten geben ehrliches Feedback zu den Produkten, wenn man sie direkt fragt. Konsumenten sind also nicht mehr nur „Empfänger“, sondern werden mit diesem Marketing mit Feedback Funktion selbst in die Verantwortung genommen.

Problematisch: Influencer und Falschinformationen – schwer zu entlarven

Die Kritik ist aber an einer ganz bestimmten Gattung an Influencern vielleicht berechtigt. Es gibt diejenigen, deren Feed aus Werbung besteht. Die Persönlichkeit ist nur noch eine Marke ohne Substanz. Aber auch dann gilt: Wenn wir einen Influencer hohl finden, warum liken wir ihn dann? Ich jedenfalls like Influencer, die einem jeden Mist verkaufen, nicht. Gefährlich ist es nur, dass man professionell wirkende Influencer, die in Wirklichkeit unreflektiert und uninformiert Produkte bewerben, schwer entlarven kann. Ein gutes Zeichen ist es schon einmal, wenn eine Agentur dahintersteht oder die Person über eine entsprechende Ausbildung/Erfahrung verfügt. Wie viele „Fitchicks“ geben nach ein paar Monaten Training bitte schon Trainingsanweisungen? Oder Magersüchtige Ernährungstipps? Aber tun wir nicht so, als ob das nur Influencer täten. Überall im Netz finden wir Falschinformationen und Gesundheitsmythen. Egal, wo wir uns Informationen herholen, das Überprüfen liegt bei uns Konsumenten, denn Informationen im Internet blindlings zu vertrauen ist sowieso immer unmündig. Holt euch Bücher, recherchiert die Quellen, benutzt das komische Ding, das auf eurem Hals sitzt.

Fazit: Achtung mit Kritik

Am Ende bleibt aber eine Sache an jedem Influencer hängen, die sie meiner Meinung nach aus dem Status des „hohlen Influencers“ heraushebt. Immerhin wissen diese Personen, wie man Instagram optimal verwendet, eine Masse für sich begeistern kann, wie man einen Brand aufbaut und nicht zuletzt verstehen sie auch etwas von Grafikdesign. Und nicht Wenige inspirieren uns wirklich, weil sie uns Hoffnung machen, ein bestimmtes Ziel erreichen zu können wie das Abnehmen oder in Gym zu gehen. Medien widerspiegeln die Gesellschaft. Sagen wir also, die Influencer seien hohl, sind wir es automatisch auch.

Unreflektierte Kritik an Influencern statt am System

Daher: Die Kritik an der Werbeindustrie ist keine neue, aber eine unreflektiertere. Teil des Systems sind wir sowieso alle, die einen Instagram Account haben und der Werbeindustrie eine Plattform bieten. Der Hate geht jetzt aber nur gegen Influencer los, die jedoch auch positive Punkte für die Konsumenten bieten: Direktes Feedback und die Wahrscheinlichkeit bei langfristigen Kooperationen ist gross, dass der Influencer hinter dem Produkt steht. Zudem muss man ihnen akkreditieren, dass sie uns normalen Instagram Usern marketingtechnisch weit überlegen sind. Das muss man erst einmal schaffen.

Ich empfinde daher vieles an der Kritik als abfällig und kann nur auf meine Grundmeinung zum Leben allgemein verweisen: Entweder, man ist Geber oder Empfänger von Content. Jeder kann sich entscheiden, ob er seine Welt von anderen formen lassen will, oder die der anderen formt. Der Prozess ist nicht aufzuhalten und am Ende kannst du dich sowieso nur selbst retten: Sapere aude, denk selber nach, ob du dieses Proteinpulver wirklich in 23 Geschmackrichtungen brauchst.

Eure Meinung?

 

*Natürlich verschwimmen die Grenzen; Models werden selbst zu Influencern mit ihren vielen Followern auf Instagram. Das System dahinter ist aber ein anderes – bei Models steht immer eine Agentur dahinter und ein professionalisiertes System. Gleichzeitig gibt es Influencer Agenturen, die das Influencer Marketing professionalisieren und damit die Einstiegsbarrieren erhöhen.

**immer auch die weibliche Form gemeint

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