Von Extremen und Kontrasten: Buli(Mia)

Für diejenigen, die Bulimie vielleicht abstösst, sie aber trotzdem verstehen wollen. Und vor allem für diejenigen, die sie selbst kennen.

Was viele nicht wissen, aber prägender Teil meiner «fitness-journey» ist: Die Bulimie, liebevoll «Mia» genannt, hat mich jahrelang begleitet. Inzwischen bin ich an einem anderen Punkt, jedoch besucht mich diese gute alte Freundin auch heute in seltenen Fällen noch. Ob ich sie jemals zu 100% loswerden, frage ich mich – aber so, wie es mir jetzt geht, würde ich mich seit 3 Jahren als geheilt bezeichnen.

Ich habe mich nie gross zu «Mia» geäussert, auch wenn ich weiss, dass viele (!) mit einem gestörten Essverhalten kämpfen. Gerade das Binge-eating ist ein naher Verwandter der Mia und betrifft in der Fitnessszene viele. Nun möchte ich aber diese «Krankheit, über die niemand spricht» aus der Schweigespirale hinausheben. Ja, Bulimie ist eine unschöne Krankheit und bringt einen in Situationen, die ich im Nachhinein wirklich als menschenunwürdig betrachte. Das Schlimmste daran ist, dass man sich selbst an diesen Punkt bringt – und zwar immer und immer wieder. Wer spricht schon gerne über seine eigenen Schwächen, und vor allem dann, wenn sie sich so extrem äussern?

Kein Leben ohne Mia

Als Aussenstehender kann man sich unmöglich vorstellen, wie sich so ein Essanfall und das Erbrechen anfühlt. Ich will es euch erklären: Unbestimmtes Unbehagen beim Aufstehen, kein Blick in den Spiegel, möglichst kleine Bewegungen, damit ich meinen Körper nicht spüre. Es fühlt sich alles taub an, schlimmer als Schmerz und nur Schmerz kann mich aufwecken. Obwohl ich keinen Hunger habe und bereits Blut spucke, gehe ich mechanisch zum Schrank und plane, wie ich heute essen sollte, um ein möglichst angenehmes Erbrechen zu ermöglichen: Einen Boden mit normalem Essen legen, heisses Wasser trinken und einen neutralisierenden Joghurt hinterher essen, damit die Masse meine Speiseröhre nicht noch mehr aufkratzt. Der Magen ist aber erst halbvoll, Erbrechen lohnt sich noch nicht – also weiter, weiter, weiter, bis ich kaum mehr atmen kann. Dann endlich erlösen: Der Magen fühlt sich leerer an, als beim Aufstehen, leerer noch, als die Taubheit. Diese neue, selbst herbeigeführte Taubheit gibt mir das Gefühl von genügend Kontrolle, um den Tag durchzustehen. Die Leere ist jedes Mal ein Neubeginn. Bis die Taubheit wieder an die Tür klopft. Und die Taubheit wieder nach Leere verlangt.

Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie ich es damals oft erlebt habe. Natürlich sehen die Anfälle immer anders aus, das Erbrechen fühlt sich mal so, mal so an und auch die Beweggründe sind jeweils ganz unterschiedlich. Bulimie hat nicht nur mit «sich nicht zähmen können» zu tun, denn es war mir oft ganz egal, was ich esse – Hauptsache, der Magen war voll. Für mich ging es nur anfangs darum, essen zu können, was ich wollte, ohne zuzunehmen (eine Illusion), doch irgendwann brauchte ich das Gefühl des Erbrechens. Und genau das war der Moment, in dem ich mein Instrument zu meiner Krankheit gemacht habe.

Sich ohne Erbrechen in Einklang bringen

Beim Erbrechen geht es um Kontrast – übervoll zu leer, wie die Superkompensation im Training. Es bildet eine Brücke zwischen zwei Extremen, die jedoch mit Schmerz und Zwang verbunden ist. Heute bemerke ich diesen Bedarf nach «Kontrast in Einklang bringen» und kann ihn einordnen, denn ich selbst habe extreme Seiten in mir. Dazu bedarf ich aber nicht mehr des Schmerzes, sondern lebe die Seiten möglichst aus und habe weniger destruktive Brücken gefunden: Training, Lernen, Meditation und, das wichtigste, die Liebe. Sich eine Umgebung zu schaffen, die Sicherheit bietet, meine ich auch, wenn ich von «sich eine Insel bauen» spreche – darauf kann Mia noch so oft vorbeischauen, wie sie möchte – diese Insel kann sie mir nicht wegnehmen.

Stay strong!

Andrea

 

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2 Gedanken zu “Von Extremen und Kontrasten: Buli(Mia)

  1. Über das Leben und Lieben schreibt:

    Schöner Beitrag! Ich finde es toll, wie offen du mit dem Thema umgehst. Das trägt sicherlich dazu bei, die Enttabuisierung der Thematik Essstörungen und psychische Krankheiten generell voranzutreiben. Übrigens gefällt mir dein Blog gut, den habe ich gerade erst entdeckt! Liebe Grüße 🙂

    Gefällt 1 Person

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