Mein Freund Diabetes

Hallo ihr Lieben,

Ich möchte euch einen Freund von mir vorstellen, dessen Leidenschaft darin besteht, mir Steine in den Weg zu legen: Diabetes.

Dass ich Diabetikerin bin, weiss ich nun seit 18 Jahren. Es handelt sich um den Diabetes mellitius Typ 1, welcher aufgrund genetischer Veranlagung auftritt. Die Krankheit brach bei mir ungewöhnlich früh aus. Das hatte definitiv etwas für sich, so schüttete ich mich nicht bis ins Jugendalter mit Cola voll, nur um dann mit dem Vorschlaghammer diese und weitere ungesunde Angewohnheiten zu zerschlagen. Als 3 Jährige kriegt man eine solche Ernährungsumstellung zum Glück nicht wirklich mit.

Meine ganze Familie hat mich bei meinem Schicksalsschlag derart unterstützt, dass sie auch heute noch die Diät-Cola vorziehen! Mit viel Geduld wurden meine Mahlzeiten geplant, denn die Kohlenhydrate mussten nun durch Insulin abgedeckt werden. Für das Mittagessen wurde morgens gespritzt, das Insulin wirkte Punkt 12 Uhr – wehe wenn das Mittagessen sich verspätete! Meine Mama hatte immer für alles vorgesorgt, zum Snack in den Kindergarten führte ich jeweils verschiedene Kohlenhydrat Kombis mit, damit ich adäquat auf den Blutzucker reagieren konnte. War er mal über 10, so gab es eben die Box mit rotem Aufkleber zu essen – ohne Kohlenhydrate. Ich habe dabei schon bemerkt, dass ich etwas „besonderes“ war. Denn um Insulin mit der Pumpe zu spritzen, stand ich mitten eines Kreises aus Kindern bei der Kindergärtnerin. Alle mussten still sein, sodass wir auch ja jedes Piepen des Geräts registrieren konnten. Irgendwie war das immer das Highlight für alle und mir machte das auch nichts aus. Rückblickend weiss ich, welche Leistung meine Mutter vollbracht hat – und wie viele Sorgen sie sich gemacht haben muss!

Das andauernde Spritzen muss man sich zugegebenermassen angewöhnen, es sei denn man wurde mit einer masochistischen Ader geboren. Aber spätestens ab der Vierten Primarschule war auch das kein Problem mehr für mich. Schliesslich durfte ich das Stechen an meinen Eltern und meiner Schwester üben! Bald gehörte es für mich zum Alltag. Nur neue Bekannte reagieren etwas irritiert, wenn ich mir plötzlich eine Nadel durch die Hose ramme – am liebsten würden sie mich dann zum Drogenentzug schicken. Zum Glück kann ich ja alles erklären.

Als ich älter wurde, drückte das Thema Diabetes auf mein Herz. In der Vierten Primar sollte ich ein Klavierkonzert spielen, schämte ich mich aber so sehr für meine sichtbare Infusion – und konnte nichts dagegen tun. Deshalb nähte meine Grossmutter dutzende Pumpenüberzüge, damit ich das Gerät auf mein Outfit abstimmen konnte. Am liebsten mochte ich den samt roten mit Elefantensujet. Doch alle Bemühungen sollten für einige Jahre nicht viel helfen – ich stürzte in eine regelrechte Krise mit 16. Ich kam mit dem Diabetes einfach nicht mehr klar, nahm zu, die Infusion störte mich, mein Blutzucker fuhr die härteste Achterbahn aller Zeiten. Spätfolgen konnte ich gerade noch so knapp verhindern.

Dann entdeckte ich das Training – Bodybuildung um genau zu sein. Nie zuvor hat mich ein Sport so glücklich gemacht. Ich hatte endlich ein Ventil für meinen Frust gefunden! Und einen guten Grund, meine Ernährung in den Griff zu bekommen. Zu Beginn kämpfte ich enorm gegen tiefe Blutzucker (Hypos) während des Trainings. Erst nach einem Jahr regelmässig Sport pendelte sich alles ein, auch die Ernährung. Das klappt bis heute sehr gut und wird sogar immer besser!

Dank dem Diabetes spüre ich meinen Körper ganz genau, ich kann ohne Blutzucker messen meinen Wert schätzen. Der Diabetes ist mein Indikator für alles. Geht es mir weniger gut, Stress oder emotional – dann reagiert mein Körper. Und ich schalte einen Gang herunter. Denn in dieser Situation ist nicht der Diabetes mein Feind, sondern ich selber. Durch meine Krankheit führe ich ein sehr bewusstes Leben, sie bring mich immer wieder zurück in die Realität. Ich wäre ein komplett anderer Mensch ohne sie, ungesund, undiszipliniert und ohne Orientierung.

Lange war es schwierig für mich, den Diabetes als einen Freund zu betrachten. Doch schaue ich nun zurück auf meinen Weg, so stehen da viele Steingebilde, die ich bauen durfte. Und ich freue mich schon auf die nächsten Steine, denn sie sind Möglichkeiten. Die Lektionen des Diabetes lassen mich wachsen, es ist eine lebenslange Schule – Danke mein Freund!

 

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